Das Werner-Siemens-Realgymnasium (1903-1935)

- Die "verschwundene Schule" -

Am 16.04.1903 begann mit 23 Sextanern (5. Klasse) und 22 Vorschülern der Unterricht.

Im Jahre 1909 wurde von dem Leiter der Schule, Wilhelm Wetekamp, die Schülerselbstverwaltung "Beteiligung der Schüler an der Gestaltung des Schullebens" am WSRG als erster Schule Preußens eingeführt.
Er trat als überzeugter Demokrat und Reformer auf, tätig sowohl in der "Wandervogelbewegung" als auch 1906 bis 1919 als Stadtverordneter in Schöneberg. Seine pädagogischen Grundsätze hat die "Vereinigung der ehemaligen Schüler und Lehrer des WSRG" im Jahr 1967 nochmals zusammengestellt.

Grundsätze:

1. Schüler muss man in Freiheit dressieren!

2. Hinter zu straffer äußerer Disziplin verbirgt sich oft Groll, Auflehnung und Widersetzlichkeit.
Wahre innere Disziplin muss aus dem Inneren kommen. Sie kann nur in Freiheit gedeihen.

3. Erziehen heißt gewöhnen, gewöhnen aber setzt Geduld und Arbeit voraus!

 

WSRG um 1930

Schulleiter Wetekamp

 

4. Das Einleben in die Gemeinschaft ist eines der wichtigsten Bestandteile der Erziehung.
Hier erlebt der Schüler, dass wahre Freiheit in steter Selbstverantwortung und in Übernahme freiwilliger Pflichten besteht.

5. Erst die tätige Beteiligung an der Gestaltung des Schullebens führt zum Gemeinschaftsgefühl, nicht nur in der Schule, sondern auch darüber hinaus.

6. Die Hauptaufgabe der Schule liegt vor allem in der Art und Weise, in der Wissensstoff angeeignet wird.
Erst durch Selbstbetätigung tritt an Stelle des bloßen Kennens das lebendige Können.

7. Dem Lehrer muss möglichste Freiheit gegeben werden, seinen Unterricht seiner Persönlichkeit entsprechend mit Lust und Liebe zu gestalten.

8. Öffnet den Schülern durch Formen, Zeichnen und Basteln die Augen für wirkliches Sehen.

9. Selbstbetätigung ist der Anfang allen Lernens!

10. Mit der Achtung vor der Meinung des anderen beginnt der Mensch Mensch zu werden.

Im Jahr 1993 führte eine 10. Klasse unserer Schule ein Geschichtsprojekt mit dem Schöneberg-Museum über die Geschichte unseres Schulgebäudes durch. Die Schülerinnen und Schüler führten auch Gespräche mit ehemaligen Schülern und erfuhren viel über die damalige Zeit und die Regeln an der Schule.

Aus unseren Interviews mit ehemaligen Schülern wissen wir, dass das WSRG als fortschrittlich galt.
Es wurde in der Regel von gutsituierten Schülern und zu 50% von jüdischen Schülern besucht.
In der Zeit von 1919 bis 1931 hatte die Schule neun Gymnasialklassen (ca. 40 Schüler pro Klasse) und drei Vorschulklassen.

Von 1914 an führte man jährlich regelmäßig ein Schulfest, z.B. in Schildhorn, als Mittel zur Bildung eines Gemeinschaftsgefühles der Schüler aller Klassen durch.Auch die Eltern waren zu dieser Veranstaltung eingeladen. Vom Bahnhof Zoo ging es mit dem Vorortzug nach Pichelsdorf und weiter zu Fuß nach Schildhorn. Auf den Wiesen vor den Restaurants fanden vormittags sportliche Wettbewerbe, z.B. Sackhüpfen, statt.
Die Hauptsache war aber nachmittags eine Theateraufführung mit Schulorchesterbegleitung in einer Waldschneise.

 

 

hinteres Treppenhaus

Die Aula

 

Der andere "theatralische Höhepunkt" fand im Winter in der Schule mit erweitertem Schulorchester und Einsatz von Scheinwerfern statt. Mit der Aufführung im Jahr 1928: "Der Sturm" von Shakespeare wurde das WSRG sogar in der damaligen Presse lobend erwähnt.

1928 sorgte die damalige SV aber auch für einigen Wirbel. In einem Aufruf an die Klassenältesten der Unterprima, die sich der "Verein der Unentwegten" nannten, forderten sie die freie Liebe zwischen den Geschlechtern und die Möglichkeit zum freien Bekenntnis der gleichgeschlechtlichen Liebe für Schüler vom 16. Lebensjahr ab.
Durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit an Hand von
Unterschriftensammlungen befasste sich sogar der Preußische Landtag mit dem WSRG, und der Verein musste schließlich aufgelöst werden.

So blieb erstmal unauffälligeres Auftreten im Vordergrund, z.B. Tauschen von Zigarettenbildern (Automodellen) und Murmeln, Austausch von Reparaturinformationen für die grundsätzlich gebraucht erstandenen Fahrräder und das regelmäßige Unterstützen einer Friedrichshainer Volksschule durch ein 2. Schulbrot (ca. 150 Brote täglich, insbesondere in Notzeiten).

Die Hausarbeiten versuchte man in der Freizeit so schnell wie möglich zu erledigen. Kommt Ihnen sicher bekannt vor?
Das Fach Geschichte beschränkte sich auf das Auswendiglernen der Jahreszahlen von Karl d. Großen aufwärts.

Das schulische Leben begann - genau wie heute - um 8.00 Uhr, aber wehe dem Schüler, der sich bereits 10 Minuten vorher blicken ließ: Auch wenn es regnete, schneite oder frostig kalt war, wurde er nicht eingelassen.
Das WSRG verfügte über einen Schulgarten, und der "Diener" (heute: Schulhausmeister) hielt Hühner und Kaninchen, die von den Schülern in den Pausen mit Brot aufgepäppelt wurden.

 

Die Turnhalle

Die Hohenstaufenstraße

 
Das Verhältnis der Schüler untereinander wurde von unseren Ehemaligen einstimmig als gut bewertet und auf die Frage, ob es jüdische Lehrer gegeben hätte, antworteten die Herren, dass sie daran keine Erinnerung hätten, weil das an dieser Schule keine Rolle gespielt hätte.

Als Hitler 1933 an die Macht kam und die SA am 1.April im Bayerischen Viertel erstmals jüdische Geschäfte blockierte, d.h. sie ließ niemanden in die Läden, „hätten auch die Schüler nur gelächelt“ und gesagt: „Der Tag geht auch vorüber.“
Sie stellten aber insbesondere ab 1934 große Veränderungen in ihrem Viertel und auch an ihrer Schule fest. Private Konflikte zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schülern hätte es zwar kaum gegeben, aber auf Grund der immer stärker werdenden Hetze gegen sie - von Seiten der Nationalsozialisten - wurde die Frage nach Auswanderungen in den Familien zunehmend diskutiert.

Die qualifizierten Lehrer verließen 1933/34 das WSRG, die Schülerschaft verlor ihren Zusammenhalt, der damalige Rektor Lemme ging in den Ruhestand, und bereits 1934 wurde aufgrund des herbeigeführten Schülermangels die Oberstufe geschlossen.
Ohne weitere Begründung schloss sich im Mai 1935 die Auflösung des WSRG an, die als Berufsschule für Mädchen weitergeführt wurde.
Anbei finden Sie die lapidare Ankündigung der Auflösung vom 4.5.1935 in der Schöneberger-Friedenauer -Zeitung, Nr. 18.

Sabine Baruschke

 

 
Seit 1994 erinnert eine Gedenktafel über dem Seiteneingang unserer Schule an der Hohenstaufenstraße an die ,,verschwundene“ Schule und das Schicksal vieler ihrer vergessenen Schüler.

 

 

Wikipedia-Link:
http://de.wikipedia.org/wiki/Werner-Siemens-Realgymnasium